
Der Ausstieg, der keiner ist: Deutschlands Palantir-Rechnung
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Persönliche Notiz
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Es gibt in diesem Land eine merkwürdige Arbeitsteilung: Sonntags wird über digitale Souveränität geredet, werktags werden Palantir-Verträge unterschrieben. 2026 hat sich das Blatt scheinbar gewendet. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärte im Januar: „Ich sehe nicht, dass Palantir für die Bundesbehörden kommt“ — gegen den ausdrücklichen Prüfwillen von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Vorausgegangen war eine Campact-Kampagne mit über 450.000 Unterstützern. Im Mai wurde bekannt, dass der Bundesverfassungsschutz die französische Plattform ArgonOS von ChapsVision beschafft — eine europäische Palantir-Alternative, die beim französischen Inlandsdienst DGSI bereits läuft. BfV-Präsident Sinan Selen begründete das mit dem Satz, Sicherheitsentscheidungen müssten „geostrategisch korrekt“ sein.
Das klingt nach Ausstieg. Ist aber, wenn man genau hinsieht, vor allem eine Verschiebung. Und weil ich glaube, dass die „Buy European“-Rufe die eigentliche Rechnung eher verdecken als aufmachen, hier mein Versuch, sie sauber zu addieren.
Der Ausstieg ist auf Bundesebene, die Nutzung in den Ländern
Der erste Bruch in der Erzählung: Gestoppt ist die Bundeseinführung. Die Landesanwendungen laufen weiter — und das sind keine Randnotizen. Bayern betreibt mit VeRA eine Analyseplattform für rund 25 Mio. Euro; Hessen nutzt hessenDATA (auf Basis von Palantir Gotham) schon seit 2017 mit etwa 15.000 Abfragen pro Jahr; Nordrhein-Westfalen fährt mit DAR ein System für mindestens 39 Mio. Euro, dessen Vertrag bis Oktober 2026 läuft. Das sind die Dauer-Nutzer.
Baden-Württemberg, das gern als etablierter Fall gehandelt wird, ist in Wahrheit der jüngste Neuzugang: Der Landtag beschloss die Rechtsgrundlage erst am 12. November 2025 (grün-schwarz, Innenminister Thomas Strobl, CDU), Einsatz ab dem zweiten Quartal 2026, Vertrag rund 25 Mio. Euro über fünf Jahre — unterzeichnet, bevor das Gesetz stand, begleitet von einer Petition mit 13.000 Unterschriften. BW ist also nicht Symbol der Bestandsnutzung, sondern der aktuellen Eskalation.
Über all dem steht das Bundesverfassungsgericht. Der Erste Senat erklärte am 16. Februar 2023 die Rechtsgrundlagen für automatisierte Datenanalyse in Hessen und Hamburg für verfassungswidrig — nicht, weil Palantir verboten wäre, sondern weil die Befugnisse zu offen formuliert waren und keine hinreichende Eingriffsschwelle vorsahen. Verfassungsrechtlich geboten ist eine „konkretisierte Gefahr für besonders gewichtige Rechtsgüter“. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte hat am 23. Juli 2025 mit acht Beschwerdeführern Verfassungsbeschwerde gegen Bayerns VeRA eingereicht; der Chaos Computer Club unterstützt sie. Entschieden ist sie nicht. Der Streit ist also weder verboten noch gelöst — er ist anhängig.
Zwei Probleme, die fast niemand sauber trennt
Hier liegt der Punkt, an dem die meisten Debatten durcheinandergeraten. Die Palantir-Ablösung ist ein Datenfusions-Problem, kein Sprachmodell-Problem. Was Systeme der Gotham-Klasse leisten, ist Verknüpfung: bestehende Polizeidatenbanken — Personen, Fahrzeuge, Tatorte, Vorgänge — durchsuchen, Beziehungen sichtbar machen, Netzwerke visualisieren. Das ist Graph-Analyse und OSINT, nicht generative KI.
Und genau hier ist Europa lieferfähig. Neben ArgonOS (mit dem deutschen Integrationspartner Rola Security Solutions) gibt es die souveräne Eigenentwicklung „Europa-VeRA“, an der Baden-Württemberg mit Airbus Defence and Space und Schwarz Digits arbeitet — mittelfristig als Palantir-Ablösung angelegt. Und Neo4j hat am 3. Juni 2026 das Londoner GraphAware übernommen und positioniert seine graphbasierte Plattform ausdrücklich „als vertrauenswürdige Alternative zu Palantir Gotham“. Das schwierig klingende Problem — die Ablösung — ist technisch das gut lösbare.
Das offene Problem ist kleiner, als der Hype behauptet
Bleibt die generative KI — der Layer, der aus Daten Zusammenfassungen, Hypothesen, Texte macht. Braucht man den für Datenfusion überhaupt? Nicht zwingend; er ist optional. Aber falls doch, ist Europa hier tatsächlich abhängig — nur ist die Lücke 2026 einstellig und keineswegs uneinholbar. Mistral Large 3 (675 Mrd. Parameter total, 41 Mrd. aktiv, Mixture-of-Experts, Apache-2.0-Lizenz, Release 2. Dezember 2025) rangiert nach Mistrals eigener Einordnung auf Platz 2 der offenen Nicht-Reasoning-Modelle und Platz 6 unter allen offenen Modellen der LMArena. Das ist nicht die absolute Spitze — dort liegen Qwen und offene Reasoning-Modelle davor —, aber es ist ein self-hostbarer, lizenzrechtlich sauberer Pfad.
Der öffentlich geförderte Weg openGPT-X / Teuken-7B (Fraunhofer, alle 24 EU-Amtssprachen, offene Lizenz) taugt als souveräner Baustein für Mehrsprachigkeit — aber mit 7 Mrd. Parametern nicht als Frontier-Ersatz. Kurz: Das LLM-Problem ist real, aber es ist das kleinere. Wer glaubt, an ihm scheitere die Souveränität, hat die Prioritäten vertauscht.
Der Vertrauensanker bleibt US-Silizium
Jetzt kommt die Ebene, auf die die Abhängigkeit verschoben wird — und die in der Herkunftsdebatte fast immer untergeht. Selbst der souveränste europäische Software-Stack läuft auf amerikanischer Hardware. Mistral baut mit „Mistral Compute“ eigene Rechenzentren in Frankreich und Schweden für rund 4 Mrd. Euro — ausdrücklich mit Nvidia-Prozessoren. Nvidia dominiert den Markt für KI-Beschleuniger, der CUDA-Software-Stack bindet die gesamte Branche. Der Trust-Anker der Zukunft ist nicht der Software-Hersteller, sondern das Silizium darunter.
Das ist exakt dieselbe Logik, die ich beim Thema Confidential Computing beschrieben habe: Die Technik löst reale Vertraulichkeit (data-in-use), aber nicht automatisch Souveränität — weil die hardwarebasierten Vertrauensanker Intel, AMD und Nvidia US-Unternehmen sind und der CLOUD Act nicht am Serverstandort ansetzt, sondern an der Kontrolle durch ein US-Unternehmen. Wer die Chips und die Attestierungsdienste stellt, hält einen Teil der Kette in der Hand, egal wo die VM steht.
Und es geht sogar noch eine Ebene tiefer in die Unternehmensstruktur hinein. Deutschlands lange gehandelte „KI-Hoffnung“ Aleph Alpha wird nach der am 24. April 2026 angekündigten — noch nicht vollzogenen, regulatorisch und von den Aktionären freizugebenden — Transaktion mit dem kanadischen Cohere zusammengehen. Strukturell ist das eine Cohere-Übernahme (Cohere-Aktionäre rund 90 Prozent, Aleph Alpha rund 10 Prozent), auch wenn sie als „Fusion“ kommuniziert wird; die Schwarz-Gruppe beteiligte sich mit rund 600 Mio. US-Dollar an Coheres Finanzierungsrunde. Cohere-CEO Aidan Gomez formulierte es als „Canadian-German company“. Der europäische Champion ist danach nicht mehr rein europäisch. Souveränität wird verlagert, nicht gewonnen.
„Aus Europa“ ist kein Grundrechts-Siegel
Bleibt die unbequemste Rechnungsposition, und für mich die wichtigste. Nehmen wir an, all das gelänge: europäische Graph-Software, europäisches Modell, europäische Rechenzentren. Wäre das Problem gelöst?
Nein. netzpolitik.org hat das im Februar 2026 auf den Punkt gebracht: Automatisierte Datenverknüpfung, die totale Bevölkerungstransparenz ermöglicht, ist als Konzept unabhängig vom nationalen Eigentümer heikel — algorithmische statt menschlicher Verdachtsschöpfung, Mission Creep, das Missbrauchsrisiko unter einer künftig womöglich autoritären Regierung. Ein „Palantir made in EU“ beantwortet die Frage nach der Herkunft. Die Frage nach den Grundrechten beantwortet es nicht. Massenanalyse bleibt Massenanalyse.
Dass das Misstrauen gegen den US-Anbieter nicht bloß Paranoia ist, lässt sich belegen — und zwar sauber, ohne Verschwörungsrhetorik. Peter Thiel, Mitgründer, Chairman und größter Anteilseigner Palantirs, hat 2009 in einem Cato-Essay geschrieben: „I no longer believe that freedom and democracy are compatible.“ Das ist ein wörtliches Zitat, keine Zuschreibung. Die Etiketten, die andere daraus machen — „Technofaschismus“ etwa —, sind fremde Wertungen [EINORDNUNG] und gehören als solche gekennzeichnet, nicht als Tatsache behauptet. In den USA weist ein Regierungskontext in dieselbe Richtung: eine Executive Order zur behördenübergreifenden Datenfusion (März 2025), ein 30-Mio.-Dollar-Vertrag für das ICE-System „ImmigrationOS“, ein Army-Rahmenvertrag über bis zu 10 Mrd. Dollar. Fairerweise gehört dazu: Dass eine fertige „Master-Datenbank aller Amerikaner“ existiere, ist nicht belegt — Palantir hat den entsprechenden Bericht öffentlich bestritten. Belegt sind die Verträge und die dokumentierte Kritik, nicht mehr.
Das ist übrigens dasselbe Muster wie bei den chinesischen Modellen, über die ich zuletzt geschrieben habe: Bei DeepSeek und Qwen sitzt die Zensur in den Gewichten selbst — sie bleibt auch beim lokalen Self-Hosting bestehen. Die Herkunft eines Systems verrät etwas über die Werte, die hineinkodiert sind, aber sie ersetzt nicht die Frage, was das System tut. „Made in China“ macht ein Modell nicht sicher, „made in EU“ macht eine Überwachungsarchitektur nicht grundrechtskonform.
Was das für uns heißt
Die deutsche Palantir-Rechnung hat drei Posten, und nur der erste wird gerade beglichen. Die Software lässt sich europäisch ersetzen — das Graph-Problem ist lösbar. Das Modell ist eine kleinere, einstellige Lücke, die self-hostbar zu schließen ist. Aber die Hardware und die Kontrollstruktur bleiben vorerst US-verankert, und die Grundrechtsfrage wird durch keinen Anbieterwechsel beantwortet. Wer den Ausstieg feiert und nur den ersten Posten sieht, verwechselt eine Umbuchung mit einer Tilgung.
Für mich ist die eigentliche Pointe: „Souveränität“ ist zu einem Herkunftssiegel geschrumpft — und ein Siegel klärt, woher etwas kommt, nicht, ob es sein darf. Die Frage, die ich mir stelle, ist nicht „wessen Software?“, sondern „welche Schwelle, welche Kontrolle, welcher Richtervorbehalt?”.
Quellen (Auswahl):
- Hubig-Absage / Dobrindt-Prüfung / Campact >450.000: https://www.campact.de/blog/2026/02/erfolg-justizministerin-hubig-erteilt-palantir-absage-fuer-bundesbehorden/ · https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/palantir-einsatz-bundesinnenminister-alexander-dobrindt-prueft-einsatz-analyse-software-palantir-usa
- BfV kauft ArgonOS (ChapsVision, DGSI, Rola) / Selen „geostrategisch korrekt“: https://www.heise.de/en/news/Digital-Sovereignty-BfV-Buys-European-Palantir-Alternative-11293717.html · https://taz.de/Deutscher-Geheimdienst-setzt-zur-Terrorabwehr-auf-eine-Palantir-Alternative-aus-Frankreich/!6178800/
- Bayern VeRA (Palantir-Gotham-Basis): https://bayrvr.boorberg.de/2025/03/17/das-verfahrensuebergreifende-recherche-und-analysesystem-der-bayerischen-polizei/ · Kosten „bis zu 25 Mio. € in fünf Jahren“: https://netzpolitik.org/2023/palantir-in-bayern-nicht-eingesetzte-polizei-software-kostet-millionen/
- Hessen hessenDATA (2017, ~15.000 Abfragen/Jahr): https://taz.de/Einsatz-von-Palantir-in-Deutschland-Fast-alle-Bundeslaender-sind-dagegen-ein-Grund-zur-Entwarnung/!6186360/
- NRW DAR (≥39 Mio. € statt 14 Mio. geplant): https://netzpolitik.org/2022/nordrhein-westfalen-palantir-software-kostet-fast-drei-mal-mehr-als-geplant/ · Vertrag bis Okt. 2026 / Neuausschreibung: https://www.egovernment.de/polizei-in-nrw-schreibt-analyse-software-neu-aus-a-c91049cfbe217d8370187b89fae71993/
- Baden-Württemberg (Landtag 12.11.2025, ~25 Mio. €/5 J., Petition 13.000): https://www.staatsanzeiger.de/nachrichten/politik-und-verwaltung/palantir-im-suedwesten-was-die-polizei-software-bedeutet/
- BVerfG-Urteil 16.02.2023 (verfassungswidrig mangels Eingriffsschwelle): https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2023/bvg23-018.html
- GFF-Verfassungsbeschwerde gegen VeRA (23.07.2025, 8 Beschwerdeführer, CCC unterstützt): https://freiheitsrechte.org/themen/freiheit-im-digitalen-zeitalter/palantir-bayern · https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/gff-verfassungsbeschwerde-gegen-palantir-bayern-polizei-ueberwachung
- Europa-VeRA (Airbus + Schwarz Digits, Palantir als „Brückentechnologie“): https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/ermittlungsbehoerden-erhalten-neue-instrumente
- Neo4j übernimmt GraphAware (03.06.2026, „Alternative zu Palantir Gotham“): https://neo4j.com/press-releases/alternative-zu-palantir-neo4j-ubernimmt-graphaware-und-startet-graphbasierte-analyseplattform/
- Mistral Large 3 (675B/41B, Apache 2.0, Dez. 2025, LMArena #2 OSS-non-reasoning / #6 OSS): https://mistral.ai/news/mistral-3/ · Modellkarte: https://huggingface.co/mistralai/Mistral-Large-3-675B-Instruct-2512
- openGPT-X / Teuken-7B (Fraunhofer, 24 EU-Sprachen, 7B): https://www.iais.fraunhofer.de/en/press-events/press-releases/press-release-241126.html
- Mistral Compute (Nvidia GB300): https://mistral.ai/products/compute/ · Rechenzentren Frankreich+Schweden (~4 Mrd. € gesamt): https://www.datacenterdynamics.com/en/news/mistral-ai-raises-830m-in-debt-financing-for-data-center-in-paris-france/
- Cohere/Aleph Alpha (angekündigt 24.04.2026, Schwarz ~600 Mio. USD, „Canadian-German company“): https://techcrunch.com/2026/04/25/why-cohere-is-merging-with-aleph-alpha/ · Anteilssplit ~90/10: https://www.corpdev.org/2026/04/25/cohere-finalizes-20-billion-merger-with-aleph-alpha-to-form-transatlantic-ai-powerhouse/
- CLOUD Act (Anknüpfung an US-Kontrolle, nicht Serverstandort): https://en.wikipedia.org/wiki/CLOUD_Act
- Hardware-Vertrauensanker Intel/AMD/Nvidia US-kontrolliert, Provider behalten Teile des Trust-Stacks (Confidential Computing): https://confidentialcomputing.io/ · https://arxiv.org/abs/2503.08256 (SoK CVM-Trust)
- netzpolitik.org: „Palantir-Ersatz aus der EU ist ein gefährlicher Wunsch“ (24.02.2026): https://netzpolitik.org/2026/totalitaere-tendenzen-palantir-ersatz-aus-der-eu-ist-ein-gefaehrlicher-wunsch/
- Peter Thiel, Cato-Essay „The Education of a Libertarian“ (13.04.2009, „freedom and democracy … not compatible“): https://www.cato-unbound.org/2009/04/13/peter-thiel/education-libertarian/
- US-Datenfusion (EO März 2025) / ICE ImmigrationOS (30 Mio. $): https://www.americanimmigrationcouncil.org/blog/ice-immigrationos-palantir-ai-track-immigrants/
- Army-Rahmenvertrag bis 10 Mrd. $: https://www.military.com/feature/2026/03/22/pentagon-expands-palantirs-role-ai-contract.html
- Palantir bestreitet „Master-Datenbank“ (Correcting the Record): https://blog.palantir.com/correcting-the-record-responses-to-the-may-30-2025-new-york-times-article-on-palantir-55b60ae107da
- Chinesische Modelle: Zensur bleibt bei lokalem Self-Hosting bestehen (DeepSeek R1, ~10.030 Prompts): https://arxiv.org/abs/2505.12625 · modellübergreifend (5 chinesische Modelle, u.a. Qwen): https://www.newsguardtech.com/special-reports/chinese-ai-models-60-percent-fail-rate-pro-china-claims
